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«Die Digitalisierung hat uns im Griff – und es gibt keinen Weg zurück» 3
  • 2017
  • Volvo Art Session

«Die Digitalisierung hat uns im Griff – und es gibt keinen Weg zurück»

  • 19. September 2017

Olivier Kofler, Mitbegründer diverser preisgekrönter Start-ups, brennt für Technologie und Digitalisierung. Der ehemalige Software-Entwickler hat es dank seinem entrepreneurial spirit und seinen Visionen zum “Head of Digital Innovation and Platforms” bei PwC Digital Services geschafft. Wir durften mit Kofler ein äusserst inspirierendes Interview zum Thema «Human meets Digital» führen.

«Die Digitalisierung hat uns im Griff – und es gibt keinen Weg zurück» 1
«Die Digitalisierung hat uns im Griff – und es gibt keinen Weg zurück» 2

Herr Kofler, was bedeutet es für den Menschen, dass die Grenzen zwischen der analogen und digitalen Welt immer mehr verschwimmen?

Da gibt es diverse Aspekte zu berücksichtigen. Der Extremste findet sich sicher in den Bereichen Virtual und Augmented Reality, wenn man als Mensch nicht mehr unterscheiden kann, ob man sich in der realen oder digitalen Welt bewegt. Das wird im Film «Matrix» beispielhaft gezeigt. Ein weiterer Aspekt zeigt sich bereits in der Leichtathletik: Sogenannte Cyborgs erbringen Dank digitalen Hilfsmitteln bessere Leistungen als Menschen, die auf ihre natürlichen Ressourcen vertrauen.

Noch einen Schritt weiter geht es bei Deep Learning und AI, also Artificial Intelligence . Es sind dies zwei Bereiche, die bereits intensiv erforscht werden. Heute schon kann das menschliche Hirn durch digitale Sensoren stimuliert werden: Erhält das Hirn im richtigen Moment den richtigen Impuls, kann der Mensch dadurch proportional leistungsfähiger werden.

In Elon Musk’s Worten: Der Mensch muss sich mit Technologie verstärken, sonst haben wir gegenüber der klassischen Maschine irgendwann gar keine Chance mehr.

Glauben Sie, dass sich die Technologie noch immer dem Menschen anpasst, oder verhält es sich mittlerweile umgekehrt?

In den 80er-Jahren war es wahrscheinlich der Mensch, der die Digitalisierung getrieben hat. Jetzt habe ich das Gefühl, dass wir uns gerade an einem Nullpunkt befinden, an dem mittlerweile die Digitalisierung tendenziell eher den Menschen treibt. Allein schon wenn wir bedenken, wie uns das Smartphone im Griff hat. Alle paar Sekunden schauen wir darauf. Folglich kann man wohl sagen, die Digitalisierung hat uns im Griff.

Ist die Wende noch aufzuhalten, von der Digitalisierung getrieben zu werden?

Nein. Die Digitalisierung hat einen Lebensstil ausgelöst, auf den wir Menschen nicht mehr verzichten wollen. Online-Bestellungen mit Heimlieferung, digitale Agenden in der Hosentasche – diese Annehmlichkeiten möchte niemand mehr hergeben. Es ist eine Minderheit, die versucht, einen Gegentrend zu setzen.

Führt die Digitalisierung uns Menschen näher zusammen oder entfremdet sie uns?

Diese Frage lässt sich nicht direkt beantworten. Einerseits nähert sie uns einander an, da man mit einem Klick mit jedem Menschen auf dem Planeten interagieren kann. Andererseits entfremdet sie uns voneinander, wenn wir beispielsweise im Zug lieber auf unser Smartphone schauen, statt mit anderen zu sprechen. Doch die Bedenken der Entfremdung sind nicht neu. Schon als die Zeitung erfunden wurde, hatten Menschen Angst, sie verhindere den persönlichen Kontakt.

Also kann sich der Effekt auch neutral auf die Beziehung zwischen Menschen auswirken?

Im Endeffekt interagieren wir heute anders als früher, sprich vermehrt digital. Aber die Interaktion selbst findet noch immer statt. Vielleicht werden wir irgendwann in Zukunft gar nicht mehr miteinander reden und nur noch unsere Gedankenwellen austauschen.

Sind Sie digitaler als andere im Alltag?

Ja, auf alle Fälle! Ich erinnere mich noch, dass ich einer der ersten in meinem Bekanntenkreis war, der WhatsApp benutzte. Früher hatte man eher im Arbeitsumfeld die modernsten  Geräte und Softwares; heute führt und setzt man sie privat oft schneller ein. Privat kollaboriere ich mit Facebook und WhatsApp – im Geschäft schreibe ich noch immer E-Mails.

In welchem Lebensbereich schätzen Sie die Digitalisierung denn am meisten?

Es gibt kaum einzelne Lebensbereiche, die ich hervorheben kann. Gewisse Dinge sind schlicht einfacher geworden, z.B. Musikhören mit Online-Streamingdiensten. Oder Ferien buchen: Früher ging ich noch ins Reisebüro, nahm den Katalog nach Hause und musste einige Tage später nochmals hingehen, um zu buchen. Heute erfolgt alles bequem online von zu Hause aus. Nicht einmal mehr das Ticket muss ich mir ausdrucken. Beim Wandern fühle ich mich dank GPS stets sicher, auch wenn der Abenteuer-Effekt ein wenig verloren geht.  Das Smartphone schlägt mir die Weckzeit und die Autoroute aufgrund meiner Agenda vom Folgetag vor. Das Paradoxe daran ist, dass wir die gesparte Zeit nicht geniessen, sondern einfach mit anderen Aufgaben füllen.

Gehen wir noch etwas auf die Kunst ein. Künstler werden oft von technologischen Innovationen inspiriert und integrieren sie in ihr Werk. Gibt es Fälle, wo Technologie von der Kunst inspiriert wird?

Oh ja, und wie! Das ist wie bei der Softwareentwicklung, die per se ein Kunstwerk ist – auch rechtlich gesehen. Ich sage von mir, ich sei ein Programmier-Künstler, sozusagen inspiriert von neuen Technologien. Ich bin überzeugt, dass sich Kunstschaffende neue Technologien wie 3D, Lasertechnik und neue Lichtformen anschauen und versuchen, diese in ihren Kunstwerken zu verarbeiten. Und dasselbe lässt sich auch in der Architektur beobachten.

Welche Verantwortung tragen Organisationen, die Digitalisierung mitprägen und vorantreiben?

Da sehe ich klassische Dimensionen. Bei Fragen zur Digitalisierung geht es immer um das Gesamtunternehmen. Alle Mitarbeitenden sind betroffen – und als Unternehmen muss man alle mit auf die Reise nehmen. Ich bringe immer das Beispiel vom Darwinismus: Nicht der grösste, stärkste und intelligenteste Mensch überlebt, sondern der, der am wandlungs- und anpassungsfähigsten ist. Da sehe ich die grösste Herausforderung für Menschen und Organisationen. Früher hatte man ein traditionelles Geschäftsmodell, das 200 Jahre unverändert blieb. Doch in den letzten 15 Jahren haben sich unzählige Branchen radikal verändert und es wird in Zukunft noch schneller gehen. Das ist die grösste Verantwortung, nämlich den Leuten beizubringen, sie zu befähigen, wie sie sich wandeln und schnell an die neue Umgebung anpassen können.

Und welche Verantwortung tragen Kunstschaffende in der Vorantreibung der Digitalisierung?

Kunst hat oft eine wichtige Funktion in der Gesellschaft. Gerade jetzt, im Zeitalter der Digitalisierung, kann Kunst auf spielerische und entdeckerische Art und Weise neue Technologien aus anderen Blickwinkeln beleuchten und den Menschen näher bringen. Sie spielt eine sehr wichtige Rolle, wenn es darum geht, Menschen an neue Gegebenheiten heranzuführen – an die neue Welt im digitalen Zeitalter.

Welche Trends faszinieren Sie, als zukunftsgerichteten Menschen, am meisten?

Es sind insbesondere zwei: Zum einen ändert sich gerade die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Die Zeit ist reif, um zum Beispiel mit dem smarten Assistenten wie Siri einen Dialog zu führen. Zum anderen Artificial Intelligence; ein gigantisches Thema. Darüber streiten sich gerade die top Digital Leaders wie Mark Zuckerberg und Elon Musk. Das AI-Thema ist dermassen brisant, dass Musk nach Regulierung schreit. Das ist nicht nur atypisch für digitale Innovatoren, es hat bei anderen, wie Zuckerberg, für Empörung gesorgt. Die intensive Debatte unterstreicht das immense Potential dieses Trends, der aus meiner Sicht erst am Anfang steht und definitiv eine neue Ära der Digitalisierung einläuten wird.

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